Interview

PROFESSION! Make-up Artist

Ein Gespräch mit Rosemarie Schneider, Beautyful Company

Mir liegt viel daran das kulturelle Niveau dieses Berufes anzuheben

Quelle: Rosemarie Schneider

Was ist die Beautyful Company?
Da muss ich bei mir anfangen. Ich selbst komme ursprünglich aus der klassischen Maskenbildnerei.  Das war mein Traumberuf. Als ich gesehen habe, wie er in großen Theatern praktiziert wird, war ich sehr desillusioniert.

Durch mehr oder weniger glückliche Umstände bekam ich als Assistentin eines bekannten Studio-Friseurs in den 80-ern, eine Chance für Modemagazine zu arbeiten. Da war die Kreativität möglich, die ich an den Theatern vermisst hatte. So blieb ich dabei und wurde zur Make-up Artistin. Ich selbst habe mich nie so bezeichnet. Ich fand diese Bezeichnung prätentiös. Das finde ich auch heute, vor allem wenn ich sehe, wie viele durchschnittlich arbeitende Leute sich „Artist(in)“ nennen.

Vorbereitungen für eine Fashion-Show (Fa. Holzmann, Haus der Kunst, München 2011)

Was war dieser Beruf eigentlich?
Dieser Frage nachzuspüren fand ich ziemlich spannend. So habe ich ein Lehr-Modell  entwickelt und mit einer kleinen Gruppe von Teilnehmern daran gearbeitet. Zunächst nur als Test-Version, aber schon mit einer möglichen Option dieses zu praktizieren und so es funktionieren würde, auch zu erweitern. Es funktionierte! Zwar war die Vermittlung und Bearbeitung von Gesichtern via Schminke extrem kompliziert, weil darin eine einmalige Individualität besteht, aber durch die notwendige Praxis-Erfahrung und ausreichend Lernzeit  war das zu verstehen.  So habe ich meine Idee, dem Beruf ein „Gesicht“ zu geben, weiter betrieben und entwickelt. Heute könnte man die Beautyful Company als Forum für kreatives Gestalten nennen.

Wir arbeiten und experimentieren im Make-up und Fotografie Bereich. Wir machen das jetzt seit Jahren und haben gute und interessante Ergebnisse erzielt – auch neue Entwicklungen im Ästhetik-Bereich gemacht. Mit „Schönheit im kommerziellen Sinn“ hat unsere Arbeit nur bedingt zu tun. Vielleicht mit einer Idee von Schönheit – was immer das ist. Das herauszuarbeiten ist ja meine/unsere Absicht.

Die  großen kommerziellen Magazine, die sich mit der Definition von Schönheit beschäftigen, bedienen den Aspekt des Werbens und Verkaufens. Ökonomisch sicher sehr wichtig, aber in der Darstellung zu einseitig. Ich bin interessiert an einem Gesamtkonzept. Dieses beinhaltet die Gestaltung von Personen für die unterschiedlichsten Bereiche und Bedürfnisse, vor allem aber für das Show-Business und die Modepräsentationen der Magazine und Laufstege. Ich sehe „Make-up“ viel umfassender und ich wende es auch so an: als creatives Konzept für diejenigen, die sich ausbilden und eine professionelle Entwicklung machen wollen. Und als künstliche Form für die fortgeschrittenen und interessierten Createure unter uns. Auf diesen beiden Säulen steht das gesamte Workshop & Trainings-Programm.

Fotografie: Elena Rott, Make-Up: Christine

Worin liegen denn Ihre inhaltlichen Schwerpunkte?
Primär geht es mir um den Beruf des so genannten Make-up Artisten oder auch Visagisten. Ich mag beide „Berufsbezeichnungen“ immer noch  nicht. Ich habe oft über einen richtigeren Begriff nachgedacht, aber mir ist nichts Besseres eingefallen. Der Beruf ist relativ jung und er ist eine Art Splitterberuf. Jeder nutzt ihn auf seine Weise. Schlecht oder gut? Wer will das beurteilen? Der kommerzielle Markt beispielsweise übernimmt den Beruf seinen Bedürfnissen entsprechend,  als reine Gebrauchsform. Hier ist der mögliche, künstlerische Aspekt ins absolut Unbedeutende gerutscht. Über das schlechte Image der „Puder-Uschis“ oder gar „Puder-Muschis“ kann ich zwar manchmal auch lachen, aber eigentlich finde ich es fürchterlich. Ich selbst liebe die Arbeit am Modell und verstehe auch die Besonderheit und die Kunst der feinen Gestaltung. Ich liebe die „Extravaganz und auch den Glamour“ guter Schminkarbeit. Und ich bin manchmal richtig ärgerlich über die geringe Wertschätzung dieses wunderbaren Berufes.

Sehen Sie eine Art deutsche und internationale Avantgarde auf diesem Gebiet?

Warum nicht. Ja. Ich sehe gerne über Grenzen hinaus und beziehe  alles- oder auch alle ein, die interessante Gestaltungs-Arbeiten machen.  Zum Beispiel Inge Grognard, eine von mir sehr geschätzte belgische Make-up Künstlerin, ist absolut repräsentativ für die Mode-Avantgarde. Man kennt sie hierzulande nicht, obwohl Sie seit Jahren mit den großen internationalen Modedesignern zusammenarbeitet. Das wird sich aber ändern. Die Szene wird irgendwann dorthin schauen, wo neue und innovative Konzepte entwickelt werden.

Wie sehen Sie unsere ästhetische Zukunft?
Ein wichtiges Thema. Die Gesellschaft ist durch ihren „Jugendlichkeitswahn“ im Begriff sich ästhetisch umzuformen. Im Gegensatz zu „Anti“ – wird auch „Pro-Age“ zukünftig eine Rolle spielen. Das Alter war bisher in der Mode ein Tabu-Thema. Im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen werden wir bestehende Verhältnisse neu klären müssen. Wir werden lernen müssen „neu“ zu sehen, denn wir haben keine gewohnten Bilder dafür zur Verfügung. Weder für diese „neuen“ operierten- ich will es mal „fremd-gesteuerte“ Gesichter nennen – noch für die Ästhetik des Alters oder auch des „alterns“. Solange die erste sichtbare Falte in unserem Gesicht uns in Schrecken versetzt, solange haben wir ein grundlegend schlechtes Verhältnis dazu. Wir wollen eigentlich nicht damit umgehen. Und diese Verweigerung oder auch Ablehnung schafft zunächst Distanz. Der zwingende Schritt später… könnte der Besuch beim Schönheitschirurgen werden. Um Ihre Frage zu beantworten: Tendenz steigend!

Wieso ist die Fotografie der kongeniale Partner für das was Sie tun?
Das Bild fixiert, was wir mittels unserer Arbeit nicht leisten können. Wir arbeiten am lebenden Modell, nicht an einer Stoff-Leinwand, wie der Maler. Das Bild ist unsere Kommunikationsform und creative Möglichkeit. Im Bild repräsentieren wir unsere Fähigkeiten zu arbeiten. Es ist als Referenz unerlässlich, deshalb müssen wir damit sehr kultiviert umgehen.

Welche Rolle spielt für Sie die digitale Fotografie?
Es ist eines der ganz großen Themen für uns- die Bildsprache der digitalen Systeme? Durch leistungsstarke Rechner wird auch unsere Arbeit rasend schnell und absolut perfekt „umgebildet“. Wir sehen heute auf eine- uns noch fremde- virtuelle Gestaltungsform. Und wir wissen nicht, ob- und wie wir an dieser neuartigen Bildtechnik arbeiten werden. Das ist ganz spannend, aber auch bedrohlich. Vor allem wenn man im guten Glauben an das bessere Produkt, die „perfekt funktionierende“ Maschine dem „fehlbaren“ Menschen vorzieht. Ich selbst lasse mich dadurch aber nicht entmutigen! Im Gegenteil, ich betrachte mittlerweile die Maschine als nützliches und interessantes „Ersatz-Teil“…