Der Franzose mit dem tiefgefetteten Pferdeschwanz und den Wunderhänden holte in den 70er Jahren, mit seinen überstilisierten Image-Kampagnen das Haus Dior aus dem Pulk der Kosmetikanbieter heraus und setzte es an die Spitze.
Jeder neue, saisonale Design-Coup wurde fast zur französischen Staatssache, wenn man das Pariser Foto-Studio „Daguerre“ in einen Hochsicherheitstrakt verwandelte. Von wo aus der sensible Artist dann – alleine mit Model Susan Moncur und ein paar Salatblättern zur Stärkung – die arrogante Beautyszene immer wieder mit überwältigenden thematischen Umsetzungen der Dior’schen Produkte zu verblüffen verstand.
Nicht einfach nur geschminkt waren die Gesichter, die dann auf den Glanzblättern und Billboards uneingeschränkte Bewunderung auslösten. Man schaute auf wahre Innovationen von Form – und Farb-Sinfonien, aufgeführt auf Augen, Nase und Mund. Oder Themen moderner Maler wie Picasso und Modigliani, umgesetzt auf einer Leinwand aus Haut.

Serge Lutens Glamour löste einen Run auf den bis dahin weitgehend unbekannten Visagistenberuf aus. Davor gab es als kreatives Berufsbonbon für Interessierte nur den Maskenbildnerberuf, der im Doppelpack, viel handwerkliches Geschick mit entsprechender Fantasie voraussetzte. Mit den Dior’schen Imageträumen wurde alles bisher Dagewesene getoppt.

Die Perückenmacherzunft in den Theatern hatte von nun an ein angeschlagenes Image zu verkraften. Nicht mehr hinter die Bretter, die die Welt bedeuten drängte man jetzt. Der Zenit aller Kreativen mit Pinsel und Puderquaste war plötzlich ein Portfolio, welches mit möglichst vielen Titel-Credits von Hochglanz-Magazinen gespickt sein sollte.

Ein neuer Beruf war geboren, attraktiv, von welcher Seite man ihn auch betrachtete. Wunderbar frei in der Ausbildung, allerdings auch ein langwieriges und teures Selfmade-Verfahren, mit ungewissen Erfolgsaussichten dazu.

Erfolg besteht zu 90% aus Transpiration und 10% Inspiration. Diese Wahrheit gilt auch für den Visagistenberuf. So ist das Ticket zu den großen Einsätzen am Puls der Szene-Zentren schwer zu erwerben. Hartnäckig und fleißig muss man auf jeden Fall sein, ausgestattet mit einer seelischen Elefantenhaut. Über Talent wird erst gar nicht geredet, genauso wie „Goldene Hände“ eine glatte Voraussetzung sind.

Nach Lutens ist nichts Vergleichbares mehr gekommen. Nur seine Freiheit im Arbeiten findet seit Jahren in einem Münchner Fabrikgebäude ein Äquivalent. Hier bringt die Münchnerin Rosemarie Schneider einer kleinen, ambitionierten Schülerschar, die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten der „Landschaft Gesicht“ bei.
Als ehemals ausgebildete Maskenbildnerin, wechselte sie in den frühen 80er Jahren von der Münchner Staatsoper in die Fotostudios, und katapultierte sich, z.B. mit brillanten Make up Arbeiten auf Stern-Titeln und zahlreichen internationalen Hochglanz-Magazinen, in die erste Reihe der Visagisten.
Sie war das deutsche Pendant zum genialen Lutens, jedenfalls was die Palette kreativen Potentials betraf. Damals ebenfalls in den Diensten von Dior, setzte sie Lutens Höhenflüge in tragbare Day-to-Day Versionen um. Wobei es ihr immer gelang, auch der kommerziellsten Modifizierung ein „kreatives Spitzlicht“ aufzusetzen.
„Wiederholungen führen zum kreativen Tod“. Mit dieser Aussage erklärte sie etliche Jahre später ihren Wechsel zur Redakteurin. Nach jahrelanger, intensivster Arbeit in den Fotoproduktionen und den zunehmend kommerziellen Zwängen im Zeitschriftenbereich, kehrte sie zu ihren ursprünglichen Wurzeln zurück. Weg vom Kommerz, der eigenen Intuition folgend, ist in der „Schneider’schen Talentschmiede ein Imperativ. Keine Pseudo-Trends gingen davon aus, dafür wurde Modernität gesucht. Und auf keinen Fall durfte das Ergebnis „nur modisch“ sein. Dafür mussten die zukünftigen Cat-Walk Artisten sich zunächst gründlich mit Anatomie, Schminkkultur, unterschiedliche Schönheitsbegriffe und ästhetischen Ausdrucksformen einer sich ständig wandelnden Gesellschaft auseinandersetzen.
Lutens war „Createur Visagiste“. Für Rosemarie Schneiders Arbeit ist dies keine konkrete Bezeichnungsform, doch, so betont sie, ein vorstellbarer Rahmen sei dieser Titel durchaus. Ästhetik ist die Arbeitsgrundlage und der alleinige Maßstab, wobei alle Arten simulierter Schönheit bewusste Denkmodelle sind. Auf dieser Basis entstehen dabei „Gesichter“ via Schminke. Hier wird die gesamte Breite gestalterischer Möglichkeit durchgespielt. Das kann beim alltäglichen Aussehen beginnen und über unterschiedlichste Stilisierungen gehen.

Es schließt Entwürfe für Werbung, Modezeitschriften, Bühnenshows, Film- und Fernsehen und kunstvolle Dramatisierungen von Theaterfiguren mit ein. Schminke ist für Rosemarie Schneider ihrem tiefsten Wesen nach „Verdichtung“ von Form. Augen würden durch dunkle Umrandungen tiefer und geheimnisvoller, Münder und Wangen durch Rottöne überbetont. Erschaffe man jetzt noch die absolut perfekte Haut …
Baudelaire sprach in seiner „Lobrede auf die Schminke“ von der Natur, die den Teint schändlicher Weise mit Flecken übersät habe und man möge aus der Oberfläche der Haut doch eine abstrakte Einheit erzeugen, wie sie das Trikot hervorbringe. Der Mensch sollte in höchst philosophischem Sinn – mittels Schminkkunst – zu einem göttlichen Wesen gleich werden. Gesichter seien wohl keine höheren Wesen, aber doch Landschaften. Diese zu verwandeln sei eine Form imaginärer Wirklichkeit – wenn sie nicht gar zur Realität wird. Letztlich sei das „künstliche Gesicht“ der Versuch dem Poetischen nahe zu kommen.
So habe sie es auch selbst immer erfahren. Das erklärt die Liebe, die sie besonders dem Theater entgegenbringt. Welch ein immenses Betätigungsfeld! Wieviele Gesichter kann hier ein Charakter haben? Und wie gelingt es, diese mit Stift und Puder zum Leben zu bringen? Eine Herausforderung, die sie immer wieder sucht. Und wie gelingt es diese festzuhalten?
Ohne die fotografische Übermittlung wären diese vielen wundervollen Gesichter natürlich nur Wesen für Stunden, sie blieben imaginär. Das ist es, was die Fotografen zu unentbehrlichen Komplizen macht…